Innerer Monolog von Jennifer Albert

Die Autorin bei der Arbeit

In Deutsch Phase 9 befassen sich die Lernpartnerinnen und Lernpartner derzeit in vielfältiger Weise  mit Bertolt Brechts Parabelstück  “Der gute Mensch von Sezuan”. Jennifer Albert verfasste zu einer Szene diesen gelungenen inneren Monolog:

Innerer Monolog Wangs zum Zwischenspiel unter einer Brücke (Seite 30 bis 31)

Es war falsch wegzugehen, ich hätte Shen Te vertrauen sollen, denn sie ist kein schlechter Mensch. Ich habe sie total falsch eingeschätzt. Wahrscheinlich fragt sie sich schon wo ich bin. Ich bin so ein Idiot!! Ich werde sofort loslaufen um nach ihr zu sehen. Doch was ist, wenn sie mitbekommen hat, dass ich gegangen bin, weil ich dachte sie kommt nicht??? … Vielleicht ist sie jetzt enttäuscht von mir, weil ich so schlecht von ihr gedacht habe oder sie macht sich Sorgen wo ich nur sein könnte… Was sie jetzt wohl von mir denken wird? Bestimmt denkt sie, dass ich ein Feigling bin, weil ich mich versteckt und ihr nicht die Wahrheit gesagt habe. Ich habe einen großen Fehler begangen, weglaufen ist keine Lösung! Ich hätte warten müssen, sie wäre dann bestimmt gekommen und dann hätte ich nicht weglaufen müssen. Es ist kalt … und ich bin hungrig. Wie es Shen Te jetzt wohl geht? … Hoffentlich kommt sie mit ihrem Laden gut zurecht, sie ist doch immer so gutmütig. Was ist, wenn sie alles verschenkt und tausende Menschen bei sich aufnimmt? Ich werde ihr wohl helfen müssen, bevor sie ihren Laden wieder verliert. Es wird schwer sein, weitere Menschen zu finden, die gut wie Shen Te sind. Wobei Shen Te fast zu gut ist, auch zu denen, die es eigentlich nicht verdient hätten.

Wo ist eigentlich mein Wasserbecher?? Ich muss es wohl vergessen haben, als ich nach Shen Te geschaut habe. Hoffentlich haben es die Götter bei Shen Te gelassen. Denn ohne meinen Wasserbecher wäre ich arbeitslos. Ich kann das Wasser sonst nicht transportieren. Ach! …  Oh jeh, meine Gedanken spielen total verrückt!! Ich sollte nicht so viel nachdenken! Und dafür endlich mal loslaufen.

Aber es war doch nur ein Traum, keine Realität, was – wenn die Realität ganz anders aussieht und die Götter doch ohne Unterkunft schlafen mussten?? … Das würde ich mir niemals verzeihen können! Und was, wenn die Götter deshalb krank geworden sind? Es sind Götter, Götter sollten nicht auf dem Boden schlafen müssen. Aber es sind Götter, die haben bestimmt die Möglichkeit in unsere Gedankenwelt hineinzublicken. Aber habe mich doch mit ihnen unterhalten, ich sollte nicht an ihnen zweifeln! Nein!

Wenn ich nur nicht weggegangen wäre! Aber wir sind doch auch nur Menschen … wir sind nicht perfekt! Und Fehler dürfen doch passieren, oder nicht? – Ja schon, aber nicht wenn es um die heiligen drei Götter geht! Ich fühle mich so alleine …

Vor zwei Tagen sind die Götter gegangen. Was ist, wenn es aber gar nicht die Götter waren, die über die Brücke gegangen sind, unter der ich mich vor Scham verkrochen habe?? …  Vielleicht war es Shen Te, ich weiß, dass es sehr unwahrscheinlich ist, aber es kann ja sein das sie mich gesucht hat. Aber es war doch nicht nur eine Person die über die Brücke gegangen ist, ich habe doch gehört, dass es mehrere Personen waren. Aber man kann sich ja auch mal verhören oder? … Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis. Ich weiß einfach nicht, was ich denken soll …

Ich habe einen Fehler gemacht. Aber eigentlich war es doch kein Fehler von mir, sondern nur ein blödes Missverständnis. Ein blödes, blödes Missverständnis! Ob Shen Te jetzt denkt, dass ich ein schlechter Mensch bin? Ich bin so ein Feigling! Warum habe ich das getan??? Warum bin ich einfach weggelaufen? Ich mache mir solche Sorgen. Die Götter vertrauen mir jetzt bestimmt nicht mehr. Die Götter haben noch einen weiten Weg vor sich. Es ist sicher nicht einfach heutzutage noch gute Menschen zu finden. Die Menschen heutzutage denken doch eh alle nur noch an sich und an ihr eigenes Wohlbefinden. Sie sind gemein und sie denken, dass sie die wichtigsten Menschen der Welt sind, dass es auch Menschen gibt, die nicht so viel haben, daran denken die meisten gar nicht mehr. Ich bin kein Mensch der viel hat, aber trotzdem sind mir meine Mitmenschen – und alle voran Shen Te wichtig. So denkt bestimmt auch Shen Te!! Sie war zwar eine Prostituierte, aber sie hat das bestimmt nur aus Verzweiflung gemacht. Denn aus Verzweiflung macht man manchmal Dinge, die man sonst nicht tun würde. Sie war schon lange eine gute Freundin von mir, ich hätte sie besser kennen sollen … Nun sitze ich hier und weiß nicht weiter.

Dieses sanfte beruhigende Rauschen des Flusses und die Vögel, die zwitschernd in den Bäumen sitzen wirkt zum Glück beruhigend. Eigentlich ist alles so friedlich. Ich werde jetzt aufhören über all das Geschehene so viel darüber nachzudenken und endlich loslaufen. Bald werde ich wieder zu Hause sein in den Straßen von Sezuan, bei Shen Te und den ganzen anderen Menschen. Ich werde Shen Te Wiedersehen und es wird ihr besser gehen als jemals zuvor! Stolz will ich den Göttern schon bald verkünden können, dass Shen Te ein gutes Leben lebt und stets gute Taten vollbringt. Wahrlich, Shen Te ist der gute Mensch von Sezuan!

Verfasst von Jennifer Albert
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